Das Forum in Kürze

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Bundesrat Johann Schneider Ammann

 

Wie wir unseren Wohlstand sichern
Zürich, 15.09.2011 - Johann Schneider-Ammann, Bundesrat und Vorsteher des EVD | Schweizerische Management Gesellschaft | Zürich



Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrter Herr Fischer
Liebe Mitglieder der SMG
Meine Damen und Herren

 

Es ist mir eine ganz besondere Freude, heute hier zu sein. Denn mit der SMG fühle ich mich seit vielen Jahren eng verbunden. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die SMG zu einer der führenden Impulsgeberinnen für Führungskräfte in unserem Land entwickelt. Das Mitgliederverzeichnis liest sich wie ein „who is who" der Schweiz. Wer einmal dabei ist, kündigt seine Mitgliedschaft nicht - ausser es ist höhere Gewalt... Das ist ein schöner Qualitätsausweis. Ich gratuliere der SMG von ganzem Herzen zum 50. Geburtstag und wünsche für die kommenden 50 Jahre viel Erfolg!

Die inspirierende SMG macht Inspiration zum heutigen Veranstaltungsthema.

Doch was heisst Inspiration und wie lässt man sich inspirieren?

Keine Angst, ich habe weder den Duden noch den Brockhaus konsultiert... Jede und jeder versteht etwas anderes unter Inspiration. Und jeder hat seinen Fundus für Inspiration. Ich lasse mich gerne von der Natur und spannenden Menschen inspirieren. Doch mit Inspiration allein ist noch nichts gewonnen. Der Amerikaner Thomas Edison, der über 2000 Erfindungen machte und von denen er rund 1100 patentieren liess, hat gesagt:

"Genius is one percent inspiration and ninety-nine percent perspiration"

Er meinte damit, dass es ohne harte Arbeit und wiederholte Versuche nicht geht. Die Aussage von Edison, meine Damen und Herren, trifft auch auf die Schnürung des sogenannten 2-Milliarden Franken-Pakets zur Abfederung der Frankenstärke zu. In der laufenden Herbstsession wird im Parlament über das 1. Paket debattiert. Gestern hat der Ständerat mit 31 gegen 9 Stimmen und einer Enthaltung der ersten Tranche im Umfang von 870 Millionen Franken zugestimmt. Im Bundesrat diskutieren wir ein 2. Paket. Profitieren wollen wie üblich alle, auch diejenigen, die es nicht betrifft. Gute Vorschläge, welche die Kriterien erfüllen, gesetzlich umsetzbar und mehrheitsfähig sind, sind nicht nur rar, sondern echt schwierig zu definieren. Viele Ideen sind Volksweisheiten, zum Teil auch populistische - wir sind in einem Wahljahr!

Dass sich die Schweiz in einer ausserordentlichen Situation befindet, wissen wir alle. Wir dürfen nicht tatenlos zuschauen. Die Geldpolitik ist und bleibt Sache der Nationalbank. Der Entscheid, den Mindestkurs auf 1.20 Franken pro Euro zu fixieren, bringt den exportorientierten Unternehmen zwar Entlastung und Sicherheit in der Planung und Budgetierung. Entwarnung ist deswegen aber noch lange nicht angesagt. Das weltweite Wirtschaftswachstum verlangsamt sich. Der Franken dürfte noch lange stark bleiben. Denn die Schuldenproblematik der USA und von zahlreichen Ländern in Europa bleibt auf absehbare Zeit ungelöst. Statt Schulden abzubauen, nimmt der Schuldenberg laufend zu. Die Zahlen sind eindrücklich, um nicht zu sagen, beängstigend:

Einige Ökonomen haben sich die Zeit genommen, die öffentliche Gesamtverschuldung der ganzen Welt pro Kopf zu berechnen. 2007 belief sich die Verschuldung pro Kopf auf 4‘500 Dollar, drei Jahre später waren es bereits 6‘500 Dollar und die Prognose für 2015 lautet 8‘900 Dollar. Das ist fast eine Verdoppelung binnen acht Jahren. Dabei wächst der Schuldenberg westlicher Nationen deutlich schneller als derjenige von Entwicklungsländern.

Mit ein Grund für die rasante Zunahme der Verschuldung ist, dass die Probleme zahlreicher Länder durch staatliche Stimulierungsmassnahmen hinausgeschoben statt behoben werden. Diesen Weg ist die Schweiz nie gegangen. Das jüngste Massnahmenpaket des Bundesrates wird aus dem Überschuss 2011 finanziert. Die Schuldenbremse halten wir strikt ein. Damit sind die Möglichkeiten der Politik aber auch begrenzt.

Auch wenn uns der starke Franken noch einige Zeit fordern wird, hab ich immer mein langfristiges Ziel vor Augen, nämlich das Wachstum und den Wohlstand in der Schweiz zu sichern. Ich will, dass die Schweiz auch in Zukunft dank bestmöglichsten Rahmenbedingungen international zu den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt zählt.

Deshalb wollen ich und der gesamte Bundesrat mit der Wachstumspolitik den eingeschlagenen Weg mit aller Kraft vorantreiben. Dazu müssen wir sowohl unsere preisliche Wettbewerbsfähigkeit als auch unsere nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit steigern. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit stärken wir, indem wir das Kostenniveau in der Schweiz senken.

Die nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit stärken wir, indem wir mit innovativen Produkten auf dem Markt auftreten und auch den Strukturwandel nicht nur zulassen, sondern vorantreiben. Deshalb bereitet der Bundesrat für die nächste Legislaturperiode ein weiteres Wachstumspaket vor, denn nur steter Tropfen höhlt den Stein.

In der Wachstumspolitik 2008-2011 hat der Bundesrat durch diverse Parlamentsentscheide erhebliche Rückschritte hinnehmen müssen. Auf diese Massnahmen gilt es in der kommenden Periode 2012-2015 zurückzukommen, zumal das Parlament dazu auch Türen offen gelassen hat. Erwähnen möchte ich, dass

  • der Einheitssatz der Mehrwertsteuer noch immer keine Mehrheit gefundehat,
  • der Monopolbereich der Post nicht vollständig aufgehoben werden konnte
  • und seit Jahren bei der Gesundheitsreform an Ort getreten wird.

Hinzu kommt, dass auch bereits verabschiedete Vorlagen umstritten sind. Das Cassis-de-Dijon-Prinzip und die Personenfreizügigkeit lassen grüssen. Meine Damen und Herren, es ist ein gefährliches Spiel, wenn Reformen in der Schweiz erlahmen. Denn andere Länder bleiben nicht stehen, sondern sie krempeln ihre Wirtschaftsstrukturen um. Zudem zwingt uns der starke Franken, produktiver zu werden. Dazu muss auf der Binnenwirtschaft ein gleicher Anpassungsdruck lasten, wie ihn die Frankenstärke auf Industrie und Tourismus schon heute ausübt.

Mit den konkreten Reformvorhaben, die der Bundesrat mit der Wachstumspolitik 2012-2015 ins Parlament tragen wird, wollen wir die Herausforderungen der Zukunft anpacken. Sechs Herausforderungen will ich hervorheben:

  1. Gilt es den internationalen Marktzugang zu sichern und zu verbessern
    Weil die Doha-Runde stockt, haben die Freihandelsabkommen mit neuen Partnern derzeit oberste Priorität. Das schafft Schweizern Unternehmern gegenüber der Konkurrenz Vorteile - oder hebt Nachteile auf. Diese Aufgabe fällt ganz in die Kompetenzen des EVD. Ein Freihandelsabkommen mit Hongkong schlossen wir im Juni ab. Mit Indien will ich das das Abkommen noch in diesem Jahr abschliessen. Die Freihandelsabkommen mit China und Russland möchte ich ebenfalls in absehbarer Zeit unter Dach und Fach bringen.
  2. Gilt es die Kosteneffizienz im Binnensektor zu verbessern
    Gewisse Sektoren - wie das Gesundheitswesen - sind heute stark reguliert.Es spricht nicht nur der Prämienzuwachs für Kostensenkungen. Auch die sich abzeichnende Öffnung der Gesundheitsmärkte in der EU spricht dafür, dass wir rasch Kosteneffizienz anstreben. Der Bund wird allerdings entsprechende Reformen schwerlich alleine durchsetzen können. Da es meistens ebenfalls kantonale Kompetenzbereiche betrifft, müssen die Kantone und eventuell auch die Gemeinden am selben Strick ziehen. Mit meinem Departement will ich sicherstellen, dass die Kosten in unserem Land nicht weiter steigen. Nur so können der Wirtschaftsstandort Schweiz attraktiv und konkurrenzfähig und Arbeitsplätze erhalten bleiben. Auch der Staat hat punkto Kosten eine grosse Verantwortung. Ich werde ganz genau schauen, dass bei Steuern, Gebühren und Abgaben sowie bei administrativem Ballast („Bürokratie") das Fuder nicht überladen wird. Erst vor einigen Tagen hat der Bundesrat weiteren Massnahmen zur administrativen Entlastung zugestimmt.
  3. Gilt es die klimapolitischen Ziele umzusetzen und die Ressourceneffizienz zu steigern
    Auf Nachhaltigkeit zu setzen bedeutet für die Wirtschaft, dass neue Branchen entstehen oder bestehende Zweige massiven Auftrieb erhalten. Die Ausgestaltung der neuen Energiepolitik des Bundes bietet dazu viel Potenzial. Mit unseren in Kürze veröffentlichten Massnahmen im Bereich Cleantech leistet das EVD seinen Beitrag, damit die Unternehmen davon profitieren. Bei den Ressourcen geht es um den Aufbau von sekundären Stoffkreisläufen im Inland und um die Substitution von ausgewählten Rohstoffen. Das sind insbesondere bestimmte Metalle, deren Lager knapp sind und die Versorgung schon beim Ausfall von ein bis zwei Lieferländern gestört ist.
  4. Gilt es die Finanzstabilität unter Wahrung der Attraktivität des Finanzplatzes zu erhöhen
    Trotz sich abzeichnendem Strukturbereinigungsprozess und Personalabbau dürfen wir das Potenzial des Finanzsektors nicht unterschätzen. Die schwierige Aufgabe besteht darin, zu vermeiden, dass die Finanzmarktregulierungen auf den anderen wichtigen Finanzplätzen die Dienstleistungserbringung ab Standort Schweiz beeinträchtigen oder gar diskriminieren.
  5. Gilt es die Infrastruktur auszubauen
    Die steigende Bevölkerungszahl sowie das grössere Mobilitätsbedürfnis bedingen, dass Ausbauten bei der Infrastruktur ins Wachstumsprogramm aufgenommen werden. Eine gute internationale Anbindung ist ein wichtiger Standortfaktor, gerade für die wachstumsstarken wissensintensiven Wirtschaftszweige. Dabei muss der Preis für die Nutzung der Infrastruktur in Zukunft eine stärkere Rolle spielen.
  6. Gilt es Mechanismen zur nachhaltigen Finanzierung der Sozialwerke zu entwickeln
    Hier geht es primär darum - wo noch nicht voranden - Mechanismen analog zur Schuldenbremse zu entwickeln. Die entsprechende IV-Vorlagen sind im Parlament. Bei der AHV-Reform muss ein neuer Anlauf zur Einführung einer solchen Regel gemacht werden. Mit dem Signal, dass wir unsere Sozialwerke langfristig finanzieren können, heben wir uns von den meisten der Industrieländern ab.

Sie sehen, der Bundesrat tut alles in seiner Macht stehende, um die Schweiz möglichst gut durch die schwierigen Zeiten des starken Frankens in die Zukunft zu bringen. Mit dem Fokus auf einer sozial- und umweltverträglichen Wachstumspolitik sichern wir unseren Wohlstand.

Dafür müssen wir am gleichen Strang ziehen, egal wie unterschiedlich unsere politischen Ansichten sind. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Parteistreitigkeiten beiseitegelegt werden können und die Interessen einiger weniger nicht über das Interesse der Allgemeinheit gestellt werden.

Lassen Sie mich mit einem Zitat von Thomas Edison abschliessen.

"I never did anything by accident, nor did any of my inventions come by accident. They came by work."

Das ist mein Grundsatz, das ist unser Grundsatz. Machen wir uns an die Arbeit, packen wir die Herausforderungen an. Ich danke Ihnen für Ihr Engagement für den Standort Schweiz.

 

Es gilt das gesprochene Wort !

 

Quelle: http://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=de&msg-id=41160

 


Bundesrat Johann Schneider Ammann

Wirtschaftspolitik und Arbeitsmarkt vor grossen Herausforderungen
Kartause Ittingen, 15.09.2011 - Johann N. Schneider-Ammann, Bundesrat und Vorsteher des EVD | Tag der Arbeitsmarktbehörden

 

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Sehr geehrte Leiterinnen und Leiter der kantonalen Ämter für Wirtschaft und Arbeit, Industrie und Gewerbe,
Sehr geehrte Vertreter der kantonalen Arbeitsmarktinstitutionen,
Sehr geehrte Gäste aus Deutschland, Liechtenstein und Vertreter der Thurgauer Wirtschaftsverbände,

 

Meine Damen und Herren,

 

Welches ist die nächste grosse Herausforderung für die Schweiz? Wir müssen Arbeitsplätze sichern. Denn die Wirtschaftslage wird sich in der nächsten Zeit nicht verbessern. Wir müssen für Arbeit und Beschäftigung sorgen und die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Ich bedanke mich für die Einladung zum „Tag der Arbeitsmarktbehörden", der uns an diesen gemeinsamen Auftrag erinnert.

Menschen, die aus dem Arbeitsprozess herausfallen, muss die Existenz gesichert werden und sie sollen möglichst rasch wieder den Schritt zurück ins Erwerbsleben schaffen. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten die RAV, welche es in der Schweiz in dieser Form seit 15 Jahren gibt und die wir heute speziell würdigen wollen. Ich bedanke mich an dieser Stelle auch herzlich für den Einsatz von Ihnen und Ihren Mitarbeitenden. Sie leisten einen sehr wertvollen Dienst für die Allgemeinheit in einem Umfeld, dass Sie tagtäglich herausfordert. Und auch mich herausfordert. Gerne erläutere ich Ihnen, wie der Bundesrat die wirtschaftliche Entwicklung einschätzt und was er diesbezüglich tut.

Lassen Sie mich vorweg betonen: Eine gute Arbeitsmarktperformance ist ein Trumpf für die Zukunft. Als Wirtschaftsminister setze ich mich für gute Rahmenbedingungen ein, die unserer Wirtschaft im internationalen Umfeld zu einer Top-Position verhelfen. Eine absolut entscheidende Rolle spielen dabei unser anpassungsfähiger Arbeitsmarkt und unser leistungsfähiges Bildungssystem. Das bestätigt etwa der letzte Woche veröffentlichte Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums für 2011 und 2012, in welchem unser Land den Spitzenplatz hat.

Kaum ein anderes Land weist eine so hohe Arbeitsmarktbeteiligung und eine so tiefe Arbeitslosigkeit auf wie die Schweiz. Sie, meine Damen und Herren, spielen mit Ihren Arbeitsmarktbehörden eine ausserordentlich wichtige Rolle.Sie leisten ausgezeichnete Arbeit – das bescheinigen uns auch internationale Organisationen.

Erlauben Sie mir nun zunächst einen Blick zurück. Die Schweizer Wirtschaft hat sich erstaunlich rasch und gut von der letzten Rezession im Jahr 2009 erholt. Noch vor einem Jahr überschritt die Arbeitslosenquote die Marke von 4%, mittlerweile liegt sie unter 3%. Dank Kurzarbeit konnten die Unternehmen in der letzten Krise viele Entlassungen vermeiden.

Zwar hat die Beschäftigung noch nicht in allen Branchen wieder das Niveau vor der Krise erreicht. Auch die Arbeitslosigkeit liegt noch über dem Tiefststand von 2008. Dennoch möchte ich festhalten, dass die Schweiz – vor allem auch mit Blick auf das schwierige internationale Umfeld – wirtschaftlich gut da steht. Leider fällt aber der Rückblick auf die Wirtschaftsentwicklung deutlich positiver aus als der Ausblick.

Die weltwirtschaftlichen Aussichten haben sich in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert. Die Schuldenprobleme vieler grosser Industrienationen werden das Wachstum der Weltwirtschaft in den kommenden Jahren spürbar dämpfen. Zusätzlich zur Abschwächung des Weltwirtschaftswachstums leiden vor allem unsere Exportwirtschaft und der Tourismus unter einer raschen und massiven Frankenaufwertung. Auch Zulieferer und Anbieter für die Binnenwirtschaft kommen immer mehr unter Druck durch günstigere ausländische Konkurrenten.

Die Kombination von schwächeren Wachstumsaussichten und starkem Franken gefährdet viele Arbeitsplätze in unserem Land und stellt den Wirtschaftsstandort Schweiz auf eine harte Probe. Der Bundesrat und die Schweizerische Nationalbank (SNB) sind sich bewusst, welche Risiken mit der massiven Frankenüberbewertung verbunden sind. Beide haben deshalb auch Gegenmassnahmen ergriffen. Die wirksamsten Mittel zur Bekämpfung der Wechselkursschwankungen liegen klar im Bereich der Geldpolitik. Die SNB intervenierte am 6. September zum vierten Mal innert eines Monats. Sie legte einen Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro fest.

Die SNB will diesen Mindestkurs mit aller Konsequenz durchsetzen. Ich bin ausserordentlich froh, dass die Nationalbank diesen Schritt gemacht hat. Er bringt für Unternehmen Entlastung und Sicherheit in der Planung. Die Firmen wissen nun, mit welchen Vorgaben sie budgetieren müssen. Für die besonders betroffene Exportwirtschaft und den Tourismus bedeutet dies jedoch wenn überhaupt eine kurze Verschnaufpause und keine Entwarnung. Der Franken ist auch bei 1.20 zu hoch bewertet. Die Lage für die Schweizer Wirtschaft ist ernst und es braucht seitens der Politik ergänzende Unterstützung.

Der Bundesrat hat bereits im Februar ausserordentliche Massnahmen ergriffen, um die negativen Folgen der massiven Frankenaufwertung für die Schweizer Wirtschaft abzufedern und den Standort Schweiz zu stärken. Im August beschloss er ein Massnahmenpaket im Umfang von 870 Millionen Franken.

Über dieses Massnahmenpaket berät zurzeit das Parlament in der Herbstsession. Ich bin sehr froh, dass der Ständerat gestern dem Paket deutlich zugestimmt hat. 500 Millionen von diesem Paket sollen der Arbeitslosenversicherung zukommen, ich komme darauf zurück. Die übrigen 370 Millionen Franken leisten spürbare Unterstützung in den Bereichen Exportförderung und Verkehr. Mittelfristig wird mit Investitionen im Tourismus und in Innovation und Technologie der Standort Schweiz gestärkt. In der zweiten Tranche, die in der Wintersession ins Parlament kommt, sollen weitere Mittel zur Förderung von Technologie, Forschung, Innovation, Infrastruktur und Berufsbildung gesprochen werden.

Für Sie, meine Damen und Herren von besonderem Interesse ist sicher die Unterstützungsleistung an die Arbeitslosenversicherung. Im Sinne einer Vorsorge werden dem Fonds der Arbeitslosenversicherung im Jahr 2011 zusätzliche 500 Millionen Franken als Bundesbeitrag zur Verfügung gestellt. Der Beitrag ist insbesondere für die Ausschüttung von Kurzarbeitsentschädigungen gedacht. Die Kurzarbeit hat sich – wie Sie aus eigener Erfahrung wissen – in der letzten Rezession als taugliches Instrument erwiesen, um bei vorübergehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten Arbeitsplätze zu erhalten. Warum ergreift der Bundesrat diese Massnahme, auch wenn die Situation heute eine andere ist? Meine Damen und Herren: Ich erinnere Sie an die ausserordentliche Situation, mit der die Schweizer Wirtschaft konfrontiert ist. Die massive Überbewertung des Frankens bringt zahlreiche Unternehmen in erhebliche Schwierigkeiten. Es drohen Arbeitsausfälle, Entlassungen oder Auslagerungen.

Der Bundesrat gibt mit der Aufstockung der ALV ein starkes Signal an die Unternehmen, ihre Tätigkeiten im Land zu behalten, auch wenn Schwierigkeiten auftauchen. Die Kurzarbeit hilft Unternehmen, diese Schwierigkeiten zu überbrücken und damit Arbeitsplätze zu erhalten. Damit kann wichtiges Know-how in den Firmen gehalten werden. Wir können hier auf einem bewährten Instrumentarium und auf Ihr Wissen und Ihre Erfahrung aufbauen.

Die Möglichkeiten des Bundes, kurzfristig wirksame Massnahmen zu ergreifen, welche die negativen Auswirkungen der Aufwertung kompensieren, sind begrenzt. Umso wichtiger ist es, dass der Bundesrat alles tut, um die Standortbedingungen für Unternehmen in der Schweiz mittel- und langfristig weiter zu verbessern. Ich will unsere Volkswirtschaft voranbringen, der Desindustrialisierung entgegenwirken und Arbeitsplätze sichern. Dies wohlverstanden ohne ordnungspolitische „Sündenfälle", also ohne Industriepolitik. Mein Fokus liegt vielmehr auf der langfristigen Wachstumspolitik.

Dazu gehören beispielsweise Freihandelsabkommen mit dynamischen Schwellenländern wie China, Indien und Russland. Dazu gehören Massnahmen, welche die Firmen von unnötigem administrativem Aufwand erleichtern. Und wir müssen verhindern, dass die Kosten in diesem Land weiter steigen. Auch die Personenfreizügigkeit mit der EU spielt in unserer Wachstumspolitik eine zentrale Rolle. Die Öffnung der Grenzen für EU-Bürger hat zum Wohlstand in der Schweiz in den vergangenen Jahren erheblich beigetragen. Ausländische Fachkräfte haben der Schweiz nicht nur ein quantitatives, sondern auch ein qualitatives Wachstum ermöglicht.

Sie bildeten eine wertvolle Ergänzung zum hochwertigen inländischen Fachkräftepotenzial. Wie wir unser inländisches Fachkräftepotenzial noch besser nutzen können, haben wir zusammen mit Kantonen, Verbänden und Experten am 9. September erörtert. Mit einer von meinem Departement koordinierten Fachkräfteinitiative folgen den Worten nun auch Taten. Wenn ich klar für die Personenfreizügigkeit Stellung beziehe, so rede ich nicht einer blinden Öffnung des Arbeitsmarktes das Wort. Die gegenseitige Öffnung der Arbeitsmärkte bedingt auch, dass Regeln eingehalten werden. Auch hierbei kommt Ihnen als Arbeitsmarktbehörde eine wichtige Rolle zu.

Ohne Ihren Einsatz im Rahmen des Vollzugs der flankierenden Massnahmen hätte der schweizerische Arbeitsmarkt die Herausforderung Personenfreizügigkeit nicht so gut gemeistert. Die Kontrolltätigkeit wurde seit Einführung der flankierenden Massnahmen laufend intensiviert und ausgebaut. Die flankierenden Massnahmen werden wirksam umgesetzt. Die aufgedeckten Verstösse zeigen aber auch, dass Kontrollen wichtig bleiben. Noch vorhandene Lücken bei den flankierenden Massnahmen müssen wir rasch schliessen. Ich will vor allem das Phänomen der Scheinselbständigkeit bekämpfen. Deshalb will ich den Kontrollorganen Mittel geben, um gegen Scheinselbständige vorgehen zu können.

Ausserdem will ich erreichen, dass zwingende Mindestlöhne in Normalarbeitsverträgen und in erleichtert allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträgen auch durchgesetzt werden können. Arbeitgeber, die sich nicht an diese Mindestlöhne halten, müssen sanktioniert werden können. Dies ist heute nicht der Fall. Mein Departement wird dem Bundesrat demnächst eine entsprechende Gesetzesvorlage unterbreiten. Ende September wird der Bundesrat voraussichtlich das Vernehmlassungsverfahren eröffnen. Wir treiben den Prozess voran, damit neue Massnahmen so rasch als möglich in Kraft treten können.

Ich bin mir bewusst, dass Sie die Personenfreizügigkeit auch bei der Arbeitsvermittlung vor neue Herausforderungen stellt. Die erweiterten Rekrutierungsmöglichkeiten machen die Vermittlung von Stellensuchenden teilweise noch anspruchsvoller. Umso wichtiger ist es, dass Sie diese Aufgabe so professionell als nur möglich erfüllen. Um dabei Fortschritte zu erzielen ist das „Lernen Voneinander" entscheidend – der heutige Anlass bietet dazu auch Gelegenheit.

Ich habe es zu Beginn erwähnt: Die Wirtschaftsaussichten haben sich deutlich eingetrübt. Sie werden im nächsten Jahr wohl mit einer wachsenden Zahl von arbeitslosen Personen konfrontiert sein. Sie kennen diese Situation, Sie haben sie erst vor knapp drei Jahren letztmals erlebt.

Innert kürzester Zeit haben Sie es geschafft, einen sehr raschen Anstieg der Kurzarbeit und der Arbeitslosenzahlen organisatorisch zu bewältigen.

Für die Betroffenen bot die ALV eine sofortige Existenzsicherung und für die Volkswirtschaft als Ganzes wirkte die ALV als automatischer Konjunkturstabilisator. Unsere Arbeitsmarktinstitutionen haben sich in der letzten Krise bewährt. Ich bin überzeugt, dass wir auch für die grosse Herausforderung, die vor uns steht, gerüstet sind.

Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit und Ihr Engagement und wünsche Ihnen heute aufschlussreiche Diskussionen.

 

Es gilt das gesprochene Wort !

 

Quelle:  http://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=de&msg-id=41161